„… aber dein Gesicht ist doch total hübsch“ aka. die Körperlose

Irgendwie fällt mir die momentane Situation unfassbar schwer.
Manche sagen, es sei toll was ich hier mache, wie ich mein Umfeld, auch privat, aufkläre und wie offen ich mit der Thematik ‚Lipödem‘ doch umgehe. Andere schütteln den Kopf und nennen es ganz frech „Ausrede!“ Und ganz andere verstehen den Sinn anscheinend nicht und nennen es „Reinsteigerei“.

Was ist es denn aber jetzt?
Vielleicht ein bisschen was von allem?

Was mich aber eigentlich stört, ist das unfassbare Mitteilungsbedürfnis anderer Menschen bezogen auf die Eigenschaften Anderer. Warum muss denn unbedingt alles kommentiert und besprochen werden, nur weil uns das Internet dies suggeriert!? Instagram und Facebook sagen mir: „Hei Tata, deine Freundin XY hat ein Bild gepostet, sag was dazu!“ – the fuck? Warum?
Auf meine Situation bezogen, fällt es mir in dieser kommentierenden und begutachtenden Gesellschaft immer schwerer Fuß zu fassen. Als Mensch, der eindeutig und offensichtlich außerhalb der ‚Norm‘ – wer auch immer diese unbedingt festlegen muss – lebt, ist es nicht einfach, jeden Tag aufs Neue seinen Platz in der Gesellschaft berechnen zu müssen. Aber aufhören damit und auf die Meinung anderer pfeifen? Ja, habe ich oft probiert, gelingt manchmal, aber längst nicht immer. An diesem Punkt, an dem ich gefühlt jeden Tag von alleine an Masse zunehme, kann ich die Blicke der anderen Mitmenschen ja auch um Gottes Willen verstehen. Selbst ertappe ich mich dabei immer wieder, wie ich die Outfits, die Ungeschminktheit, die Andersartigkeit anderer Frauen – warum eigentlich nur Frauen??? – beurteile und mir mein eigenes Bild darüber mache. Zumeist ist das Bild nicht negativ, sondern positiv oder zumindest recht neutral. Aber warum verbringe ich so viel Zeit meines Lebens damit andere Menschen in Schubladen einzuteilen? Warum machen wir das?

Und immer wenn ich mit Menschen über diese Problematik sprechen will, höre ich einen dieser Sätze, den ich einfach nicht mehr hören kann: „…aber du hast doch so ein schönes Gesicht – also, darauf kommt es ja viel mehr an.“ Natürlich ist es schön nicht so ein Gesichtsgulasch (Dank für das Wort geht übrigens an Ulkas) kassiert zu haben, aber macht mich das jetzt zu einem besseren Menschen? Oder ergibt das Minus des dicken Hinters und das Plus des Gesichts einen Nullpunkt? Warum versuchen Menschen mich denn dann schön zu reden… Warum ist der Mensch nichts weiter wert als ein Stückchen Körper?
Was ist denn mit all den Dingen, die ich oder andere erreicht haben? Ein bald abgeschlossenes Masterstudium, viel positive Arbeitsleistungen, soziale Kompetenzen, etc. Nur weil ich offensichtlich optisch nicht in diese Zeit, in dieses Leben, in diese Gesellschaft passe, bin ich auch nichts/weniger wert?

Warum können wir nicht endlich aufhören andere Menschen zu beurteilen? Sei es auf optischer, emotionaler oder sogar finanzieller Ebene – was macht uns denn dazu wer wir sind? Kein Haarschnitt, keine schlechte Laune aka. resting Bitch face, kein Geschlecht, kein Kontoauszug.

Gerne würde ich einfach über eine Krankheit aufklären, die mich betrifft und die noch so unbekannt ist. Warum wird einem in der heutigen anonymen Internetzeit ein guter Wille noch schlecht ausgelegt? Warum kann man an Dingen, die einen nicht interessieren, nicht einfach weitergehen?
Gern wäre ich mehr als ein unfassbar netter Mensch mit nicht so viel Gesichtgulasch und einem unansehnlicher Körper. Gerne wäre ich einfach Natascha, die so ist wie sie eben ist und die nur für ein bisschen mehr Gerechtigkeit kämpft.

Hach ja, Fragen über Fragen..

Veröffentlicht in Blog

4 Gedanken zu „„… aber dein Gesicht ist doch total hübsch“ aka. die Körperlose

  1. katrin Antworten

    Hallo Tata, wurde diese Krankheit erst 2016 bei dir diagnostiziert?? Wenn ich deine Timeline richtig verstehe, oder?
    Ist das noch nie einem Arzt aufgefallen oder hattest du keinen fachspezi gefragt?
    Super Blog!

    • TataZimmermann Autor des BeitragesAntworten

      Hei Katrin, ja, leider erst im Januar 2016. Angefangen hat die Krankheit allerdings in der Pubertät. Viele Ärzte wissen auch über die Krankheit nicht Bescheid und schieben dann das „Übergewicht“ fälschlicherweise auf eine einfache Adipositas. Der Weg zur Diagnose ist meist lang und schmerzerfüllt – ich kann froh sein, nur 12 Jahre undiagnostiziert gewesen zu sein. Es gibt Frauen, die 30 Jahre so leben und nie wissen, was eigentlich mit Ihnen vorgeht.

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